Der Flug sollte um 16:30 Uhr starten und ich wollte gegen 20 Uhr in Málaga landen, um gegen 21 Uhr noch den letzten Bus nach Granada zu bekommen. Aber „Sollen“ und „Wollen“ ist nicht „Sein“. Schliesslich kam ich erst am Morgen danach (gestern) gegen 10:00 Uhr in Granada an. Die Nacht verbrachte ich im Burger-King des Flughafens. Was war passiert?

Nennen wir es eine Verstrickung ungluecklicher Umstaende. Es begann mit der Verspaetung unserer Maschine aus Riga, die die Startzeit erst auf 17:20 Uhr und dann auf 17:40 Uhr nach hinten verschob. Ich glaube an dieser Stelle war der Keks schon gegessen und der letzte Bus in Malaga fuer mich irrelevant, aber ich hatte noch Hoffnung. Es gibt ja auch noch die Taxi-Variante, die mich fix zum Busbahnhof am anderen Ende von Malaga gebracht haette.

Boarding war also gegen 17:40 Uhr. Ich fand Platz in Reihe 4 neben einem Ehepaar (sogar am Fenster!), dass fliessend deutsch konnte, aber noch besser russisch, wohl heimatbedingt. Sie wirkten auch gleich nett auf mich. Daneben, auf der anderen Seite sassen ihre beiden Kinder, die vielleicht zwei, drei Jahre juenger waren als ich.

Jetzt wo ihr also alle abflugbereit im Flieger sassen, schon ziemlich ungeduldig, tauchte ein neues Problem auf: Das Zeitfenster fuer den Start war abgelaufen und das naechste gab es erst in 60 Minuten. Eine hellblonde Stewardess, die „Chef-Stewardess“, wie sich spaeter rausstellte, etwa genauso alt wie ich, versuchte die Passagiere zu beruhigen, in dem sie auf die moegliche Option eines frueheren Startfensters hinwies. Die Laune der Frau des Ehepaares neben mir, sank minuetlich. Sie legte sich mit ihrem Mann an. Der schwieg meist nur oder laechelte kuehn. Wer die Hosen anhatte wurde schnell klar.

Neues Zeitfenster

Die Wartezeit hatte sich ploetzlich halbiert und letztendlich bekamen wir die Freigabe. Zwei Stewardessen erklaerten praktisch das Benutzen des Gurtes, der Schwimmweste usw, die Chef-Stewardess ubernahm dabei den Audiopart im sitzen (wie gesagt 4 Reihen vor mir) und wir rollten langsam Richtung Startbahn. 

Dann begann die eigentliche Farce. Die Ehefrau stand waehrend der Sicherheitserklaerungen auf und wuehlte ueber ihr in ihrem Handgepaeck rum. Ich dachte nur „Muss das jetzt sein?“. Schon unterbrach die zeigende Stewardess ihr Programm ging zu der Frau und bat sie sich hinzusetzen. Ich meine sie hat auch „Bitte!!“ (wenn auch mit zwei Ausrufezeichen) gesagt. Die Antwort der „Ehefrau“ folgte prompt und lautstark: „Ich nehme hier meine Nierentablette, lassen Sie mich in Ruhe“ und setzte sich hin. Die Stewardess versuchte ihr noch etwas zu sagen, aber ein „Gehen Sie wieder nach vorne und halten Sie die Klappe“ machte Sie mundtot und sie ging tatsaechlich nach vorne. Das war mir ganz schoen peinlich, was da ablief; ich sass ja direkt daneben.

Nun stand aber die hellblonde „Chef-Stewardess“ auf, ging zu der Frau und begann mit ihr zu diskutieren. Sie liess sich aber nicht beruhigen, ein Entschuldigung kam erstmal auch nicht und so gelang die Stewardess zur Einsicht, dass „wir jetzt zurueckkehren zu unserem Gate“ und sie dann aussteigen muesse, weil sie „das Personal beleidigt“ hat. Mit der Zeit schaltete sich ihr Ehemann in das Gespraech der zwei Frauen ein: „Das Halt die Klappe hat sie zu mir gesagt“, aber Lois Lane liess sich nicht beirren. Dann sprach der Mann mich an - ich sass ja neben ihm, „…so war es doch gewesen, stimmts?“ Ich ueberlegte kurz, sah etwas Hoffendes in den Augen der Stewardess, hob dann aber meine Schultern und Haende, um zu zeigen, dass ich mich da raus halten werde. Den Mut, einfach zu sagen: „Nein, es war nicht so und das Verhalten ihrer Frau war voellig unangebracht“ hatte ich nicht. Die Entscheidung war getroffen. Wir rollten zurueck. Die hellblonde Stewardess holte sich noch gruenes Licht vom Piloten, der wohl das letzte Entscheidungsrecht hat, was auch die Polizei, die anschliessend an Bord kam, bestaetigte und sich darauf berief und am Ende mussten sie alle gehen: die Ehefrau, der Ehemann und ihre beiden Kinder. Warum die beiden Kinder gehen mussten, ist mir nicht ganz klar geworden, aber „der Kapitaen hat entschieden.“ Die letzten Worte der Frau waren neben „Das wird ein Nachspiel haben“ der grandiose Satz „Ist hier ein Anwalt an Bord?“

7 anstatt 8

Es hat sich natuerlich niemand gemeldet. Nachdem ich nun eine ganze Sitzreihe fuer mich alleine hatte und der neue Start in greifbarer Naehe war tauchte ein neues Problem auf: „Meine Damen und Herren [...] als ich die vordere Tuer [erneut] oeffnete war diese bereits mit der Notrutsche gearmed, was ich vergessen hatte abzuschalten“, sagte die hellblonde Stewardess durch die Lautsprecher. “Da wir nun versuchen das Problem zu beheben, muss ich Sie aus Gruenden der Sicherheit alle bitten, das Flugzeug ueber den hinteren Ausgang zu verlassen“. Jetzt verstand ich auch, warum die Polizei den Airbus durch die Hintertuer betrat. Gluecklicherweise mussten wir doch nicht von Bord gehen, aber die Zeit verging und die Chef-Stewardess kaempfte mit der Last der Verwantwortung und den Traenen. Die Notrutsche konnte nicht repariert werden, sondern wurde entfernt und weggetragen. Was fuer Konsequenzen das hatte:

„Meine Damen und Herren…wir sind derzeit 130 Passagiere an Bord und weil wir nun nur noch 3 anstatt 4 Notausgaengen haben koennen aus Gruenden der Sicherheit nur noch 125 mitfliegen….Wir suchen deshalb fuenf Freiwillige die sich bereit erklaeren wuerden auf diesen Flug zu verzichten [...] Easyjet bietet Ihnen zur Entschaedigung 250 Euro und wuerde Ihnen bei Bedarf auch ein Hotel fuer eine Nacht bezahlen.“

Ich habe stark ueberlegt…250! Euro…, aber es gab genuegend Freiwillige und ich hielt mich zurueck obwohl mir klar war, dass ich in Málaga keinen Anschluss-Bus mehr finden wuerde. Viele Minuten spaeter und mit neun Passagieren weniger an Bord schien sich ein Ende der Farce abzuzeichnen. „Meine Damen und Herren, jetzt beginnen wir noch einmal mit den Sicherheitserklaerungen –  nur halt mit dem Unterschied, dass wir jetzt nur noch sieben anstatt acht Ausgaengen zur Verfuegung haben.“ Nach der Ansprache machte sich starker Applaus von hinten nach vorne breit und die hellblonde Stewardess gewann ihr Laecheln zurueck.

One night in Málaga

19: 30 Uhr starteten wir endlich aus Schoenefeld und landeten kurz nach 23 Uhr in Málaga. Haette ich in Reihe 24 anstatt 4 gesessen haette ich vermutlich bei der Person mitfahren koennen, die ein Auto hatte und einige Passagiere mitnahm, die das gleiche Problem hatten wie ich. Easyjet konnte mir kein Auto zur Verfuegung stellen. Was tun? Zur Busstation zu fahren waere unsinnig gewesen, weil es dort nicht unbedingt sicherer ist, als am Flughafen, wo zumindest immer zwei oder drei Leute vom Personal da sind.

Ich entschied mich also fuer die Variante des Trampens. Am Info-Schalter im Flughafen besorgte ich mir einen Edding, mit dem ich GR (Granada) auf eine Zeitung (die FAZ) schrieb. Auf meine zweite Bitte, wo denn der beste Ort zum Trampen sei, bekam ich nur kopfschuetteln. Schliesslich sei es verboten. Aber ich wollte so schnell wie moeglich in Granada ankommen, auch um noch eine Freundin zu sehen, die am naechsten morgen fuhr. Ein frommer Wunsch. Und Schlafen auf dem Flughafen…? Ich ging zum naechsten Kreisverkehr, dort wo alle Flughafenausfahrten zusammenlaufen und platzierte mich dort. Irgendwie schien keiner anzuhalten. War mein „Schild“ schlecht lesbar? Einmal kam die Polizei vorbei. Zum Glueck haben die ihr Blaulicht immer an, zwecks Frueherkennung. So nahm ich mein „Schild“ herunter und machte es schnell wieder zur „Zeitung“, auch wenn es zum lesen zu dunkel war. Die Guardia Civil fuhr sehr langsam mit fast heraushaengenden Koepfen vorbei, aber zum Glueck hielt sie nicht an.

Nach etwa einer Stunde fiel mir die Sache mit dem „Daumen raushalten“ wieder ein und tatsaechlich bekam ich jetzt mehr Beachtung, leider vorwiegend in Form eines Achsel-Zuckens. Granada ist ca. 100km von Málaga entfernt und um diese Zeit wohl nicht jedermanns Ziel. Zwei „Hijos de Puta“ mit kennzeichen „GR“ hab ich aber vorbeifahren sehen.  Gegen zwei Uhr, es war noch relativ warm aber sehr verkehrarm, begrub ich meinen Plan und suchte einen „schoenen“ Schlafplatz, den ich beim Burger King im Flughafen fand. Ich war gar nicht allein. Dort schliefen bereits fuenf andere, drei von Ihnen erkannte ich aus dem Flieger wieder.

12: 30 Uhr am Vortag begann meine Reise von Leipzig aus und 10:00 Uhr kam ich am Donnerstag endlich in Granada an.